»Behindert ist nur, wer sich selbst behindert«

Von Vera Mantowsky

Ein junger Mann im Rollstuhl will Vorbild für andere sein – Michel Schmidt tritt als »Schlagerstar Michelle Nr. 1« auf

BIEBERTAL. Michel Schmidt steht als »Schlagerstar Michelle Nr. 1« auf der Bühne – oder vielmehr: Er rollt. Denn Michelle sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. Trotzdem schafft er es, vielen Menschen Mut zu machen.

Michel nennt ihn eigentlich keiner mehr. Obwohl es so im Ausweis steht. Die Eltern konnten sich bei seiner Geburt nicht einigen: Michel wollte der Vater, Michelle die Mutter. Jetzt ist er eben beides. Am Anfang war Michelle nur sein Künstlername, aber »jetzt gefällt es mir einfach besser. Fast alle nennen mich so.« Nur seine kleine Nichte, für die bleibt er der Michel.

»Ich nehme die Dinge einfach so an, wie sie kommen«
Begonnen hat Michelles Karriere, als er 2010 auf dem Hessentag in Stadtallendorf auftreten durfte. »Ich hatte solches Lampenfieber, als ich die vielen Menschen gesehen habe«, gesteht Michelle lachend. »Aber als ich dann oben stand habe ich nur noch gedacht: Augen zu und durch. Und dann war es super.« Seitdem verbringt Michelle jede freie Minute mit Musik. Auf seinem Schreibtisch steht die Karaokemaschine mit Mikrofon. »Hier übe ich oft. Man kann sie auch richtig laut drehen und die Nachbarn auf die Palme bringen.« Ab und zu kommt auch besagte Nichte mal vorbei und kräht mit ins Mikrofon.

Michelle sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. Ob ihn das manchmal traurig macht? »So sehe ich das gar nicht«, sagt Michelle. »Manchmal glaube ich fast, ich muss so sein, weil ich dem Leben so gewachsen bin. Da ist einer, der auf mich aufpasst und mir sagt: Du schaffst das. Ich nehme die Dinge einfach so an, wie sie kommen.« So konnte der selbstbewusste und fröhliche junge Mann nicht immer reden. Michelle hat viel hinter sich – man kann kaum glauben, dass das alles in 21 Jahre Leben hineinpasst. Als Jugendlicher litt er an einer Essstörung. Es hat lange gedauert, bis er sich so annehmen konnte, wie er ist. »Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich andere Wege gehen muss. Da habe ich mir gesagt: Entweder steh‘ ich auf und nehme mein Leben in die Hand oder ich habe verloren.«

Michelle hat es geschafft. Dabei hat ihm vor allem seine Musik geholfen: »In meinen Liedern verarbeite ich viel von dem, was ich erlebt habe.« Die Lieder schreibt er alle selbst, die Ideen sprudeln, wenn er mal zur Ruhe kommt. Und das ist gar nicht so einfach. Michelles Terminkalender ist voll. Fast jedes Wochenende hat er Auftritte auf Veranstaltungen, Festen oder in sozialen Einrichtungen. In seiner Heimatgemeinde Biebertal ist der junge Mann schon eine kleine Berühmtheit.

Michelles Herz hängt vor allem am Schlager:«Das sind Lieder mit deutschen Texten, die verstehen alle. Und Schlager sind immer so schön schnulzig, das passt einfach zu mir.« Vorbild ist da auch die berühmte Schlagersängerin und Namensvetterin Michelle. »Mach das Licht nicht an » von Michelle ist mein absolutes Lieblingslied «, erzählt er. Stolz zeigt Michelle die handsignierte Autogrammkarte seines Idols, das er schon zweimal getroffen hat.

Entspannung vom Bühnenrummel findet Michelle beim Friseur. »Ich probiere gern Neues aus. Das gehört dazu. Ich wachse mit der Musik und dabei wächst auch der Mensch, die Bühnenfigur. Optische Veränderungen helfen da.« Gut auszusehen gehört eben auch zum Geschäft. Sonntags gönnt sich Michelle dann aber den Luxus, in der Jogginghose im Café zu sitzen und das Leben einfach zu genießen. Paparazzi gibt es ja zum Glück keine in Biebertal.

Michelle will ein Vorbild sein für andere Menschen, die mit Krankheit oder Handicap leben müssen. »Ich sehe mich selbst nicht als behindert. Bestimmte Dinge muss ich anders machen, es gibt andere Herausforderungen. Aber behindert ist man nur, wenn man sich selbst behindert, wenn man sich im Weg steht. Geht nicht, gibt es bei mir einfach nicht.«

Viele Zeitungsausschnitte und jede Menge Fanpost
Woher er die Kraft nimmt, für andere Leute da zu sein? »Ich bekomme ja auch viel zurück«, erzählt Michelle und deutet auf die Wand, die übersät ist mit Zeitungsausschnitten, Bildern und Fanpost. »Nach einem Auftritt am Seniorentag habe ich einen Fanbrief bekommen. Als ich den gelesen hatte, da wusste ich: Ich muss Musik machen.«

Bald erscheint Michelles erstes Album »Michelle in Love«. Damit geht es auf große Tour, bis nach Berlin. »Mir ging es lange Zeit nicht so gut, aber jetzt bin ich wieder da. Ich bin glücklich.«

Quelle: Evangelische Sonntags-Zeitung Nr. 36/2012, 2. September 2012

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