Michelles Selbst­ver­such zur Hilfs­be­reit­schaft in Gießen

Gießen 6. Oktober 2012. Man kennt das aus schlech­ten Witz­heft­chen: Behin­der­ter Bett­ler sitzt in der Fuß­gän­ger­zone. Die Leute geben etwas und nach geta­ner „Arbeit” schleicht sich der Bett­ler ums Eck und fährt mit dem Edel­benz davon. Aber wie sieht es wirk­lich mit der Hilfs­be­reit­schaft aus? Gibt es einen Blick für Armut? Und gibt es einen, wenn noch eine  Behin­de­rung sicht­bar wird? Der Bie­be­rer Michel Schmidt hatte sich zu einem Selbst­ver­such nach Gie­ßens Ein­kaufs­meile und Fuß­gän­ger­zone, in den Sel­ters­weg auf­ge­macht. Das Mit­tel­hes­sen­blog hat ihn begleitet.

Nur ein Selbst­ver­such: Michel Schmidt ist froh, nicht wirk­lich das Los der Men­schen tei­len zu müs­sen, die im Ernst­fall als Obdach­lose auf Hilfe ihrer Mit­men­schen hof­fen. Gründe sieht er darin, dass diese Hilfe mit­un­ter von Betrü­gern erschli­chen wird…Das mache viele unsi­cher. Foto: Mittelhessenblog.de

Treff­punkt 15:15 Uhr an der Bus­hal­te­stelle Mühl­straße war aus­ge­macht. Diese Zeit ein­zu­hal­ten war nicht beson­ders schwer. Alles andere wurde dann aber eher zum Par­cour, der  einem Fuß­gän­ger schon Geduld abver­langt. Für jeman­den im Roll­stuhl noch mehr. „Ich warte hier schon seit einer Vier­tel­stunde. Und wenn die Ampel dann auf grün umschlägt, hat man gerade mal knapp ne Minute um auf die andere Seite zu kom­men”, begrüßt mich Michel Schmidt. Ich habe es gerade nach län­ge­rer War­te­rei über die Ampel beim Park­haus Schan­zen­straße geschafft. Um Michel Schmidt abzu­ho­len. Der dort in sei­nem Elektro-Rollstuhl war­tet. Schmidt hatte sich ent­schie­den, direkt an der Fuß­gän­ger­am­pel an der West­an­lage gegen­über dem Park­haus zu war­ten. Spä­ter wird er mir ver­ra­ten, dass er die­sen nur ein, zwei Mal im Jahr ver­wen­det und des­we­gen etwas unge­übt sei. Sonst sei er mit sei­nem ande­ren Roll­stuhl unter­wegs, für den er immer jeman­den braucht, der ihn schiebt.

Wir machen uns auf den Weg Rich­tung Sel­ters­weg. Zurück über die West­an­lage und durh die Mühl­straße. An einer engen Stelle lässt ein jun­ger Mann uns den Vor­tritt, wenig spä­ter bedankt sich ein Auto­fah­rer in der schma­len Mühl­straße, als wir ihm Platz machen. Der Bür­ger­steig ist zu eng wegen par­ken­der Autos, als das Schmidt dort ent­lang fah­ren könnte. So lange war der Auto­fah­rer gedul­dig hin­ter Schmidt her­ge­fah­ren. Die nächste Hürde stellt sich in den Weg: Ein Geschäft hat sei­nen Wer­be­stän­der vor dem Ein­gang mit­ten auf den Bür­ger­steig gestellt. Ich stelle das Schild kur­zer­hand bei­seite, damit Schmidt mit sei­nem Roll­stuhl pas­sie­ren kann.

Stand­ort­su­che: Wo am bes­ten auf­stel­len, um wahr­ge­nom­men zu wer­den? Und womit? Schmidt wollte erst eine Büchse mit­neh­men. Um die Aktion irgend­wie sicht­bar zu machen. Das es ja aber nicht um Geld­sam­me­lei gehen sollte, son­dern darum, Hilfs­be­reit­schaft zu tes­ten, ver­warf er diese Idee wie­der. Also ohne Dose, ohne Trans­pa­rent, kein Schild, kein Kunst­stück­chen vor­füh­ren­der Pudel­mix oder der­glei­chen. Ein­fach nur der Mann selbst und sein Roll­stuhl. Mehr nicht..
An die­sem Frei­tag­nach­mit­tag pul­siert das Leben im Sel­ters­weg. Buden wer­den auf­ge­baut. Kabel­stränge ver­lau­fen quer über das Pflas­ter. Es sind die Vor­be­rei­tun­gen für den Krä­mer­markt, der noch bis zum 7. Okto­ber dau­ern wird. Mit­ten­drin im Sel­ters­weg, dort wo Löwen­gasse und Goe­the­s­traße ein­mün­den, ste­hen die Leute von der Initia­tive gegen die Ver­än­de­rung des Schwa­nen­teichs im Zuge des Lan­des­gar­ten­schau, infor­mie­ren Men­schen. Etwas wei­ter ein Pan­to­mine in Sil­ber­kos­tüm. Am Ein­gangs­be­reich von Peek und Clop­pen­burg hat sich ein Mann hin­ge­kau­ert, die Gunst des Publi­kums mit eben jenem Pudel­mix, der brav seine Männ­chen macht, die Cents klin­geln in der bereit gestell­ten Büchse.

„Vor ein paar Tagen war ich auch hier”, berich­tet Schmidt. Ihm sei ein jun­ger Mann auf­ge­fal­len, der eben­falls das Publi­kum um Almo­sen bat, in abge­wetz­ten Kla­mot­ten Er traue ihm nicht, weil irgend­et­was nich ins Gesamt­bild passe. An die­sem Frei­tag begeg­net uns der junge Mann wie­der.  Kei­nes­wegs abge­ris­sen geklei­det, in der Hand eine höher­wer­tige Gitarre. Er sieht Schmidt, erkennt ihn wie­der, grüßt ihn flüch­tig. „Bin gespannt, ob wir ihn nach­her wie­der­tref­fen. Dann würde ich ihn ja gerne mal fra­gen, was ihn auf die Straße treibt”, meint Schmidt.

Ziw­schen­zeit­lich ist der erste Stand­ort gefun­den. Schmidt pos­tiert sich etwas ober­halb des Man­nes mit dem Pudel. Mehr in Rich­tung Kar­stadt und Sel­ter­s­tor. Ich lasse ihn allein. Pos­tiere mich auf der ande­ren Seite der Fuß­gän­ger­zone. Es dau­ert nicht lange, eine ältere Frau kommt, spricht Schmidt direkt an. Die Aktion scheint gut zu begin­nen. Zumin­dest mit die­sem Teil. Es ist inzwi­schen 16 Uhr. Der Sel­ters­weg hat sich noch mehr gefüllt. Men­schen quel­len aus den Geschäf­ten. Ste­hen an Tischen der diver­sen  Kaf­fee­rös­te­reien. Oder sit­zen an den Tischen der diver­sen Schnell­re­stau­rants und Bis­tros im Sel­ters­weg. Die Mie­nen der Leute, wenn sie nicht gerade sich unter­hal­tend im nor­ma­len Schrit­tempo vor­bei­lau­fen, sind eher gleich­gül­tig, teil­weise etwas gehetzt — unter­wegs, eben noch schnell etwas ein­kau­fen, keine Zeit für irgend­was. Ich kenne diese Gesich­ter aus frü­he­ren Aktio­nen, wenn Umfra­gen im Sel­ters­weg zu The­men gemacht wur­den. Pas­san­ten­be­fra­gung. Viele immer eilig. Auf dem Sprung. Ob Schmidts Rech­nung auf­geht und sich irgend­wer Gedan­ken über den jun­gen Mann macht, der etwas ver­lo­ren dort in sei­nem Roll­stuhl am Rand der Fuß­gän­ger­zone steht? Ihn anspricht. Was  mit ihm los sei, ob man irgend­wie hel­fen könne. Ein paar Meter wei­ter führt der Pudel­mix seine Kunst­stück­chen auf, bei sei­nem Besit­zer klim­pert hin und wie­der ein Cent in die Mütze. Mehr nicht. Aber immer noch mehr als beim Roll­stuhl­fah­rer, der ein­fach nur mit einem fra­gen­den Gesichts­aus­druck in die Gesich­ter der Pas­san­ten blickt. Die Zeit ver­streicht. Zehn Minu­ten. Zwan­zig Minu­ten. Der Mann mit dem Pudel ist inzwi­schen dabei, seine Sie­ben­sa­chen zusammenzuräumen.

Bei Schmidt haben nur ein paar Kin­der halt gemacht. Mehr oder min­der jeden­falls. In Schlepp­tau von Erwach­se­nen, an deren Hand. Sie sehen den Mann im Roll­stuhl neu­gie­rig an, Zeit zum Ste­hen­blei­ben ist. Ihr Müt­ter, Väter oder älte­ren Geschwis­ter, die sie beglei­ten, haben es eilig, kei­nen Blick mal eben zur Seite, um den Roll­stuhl­fah­rer zu fra­gen. Ein jun­ger Mann kommt noch. Eine frü­here Bekannt­schaft aus der Lebens­hilfe, wie sich spä­ter her­aus­stellt. Er fin­det Schmidts Aktion gut –passt aber nun mal eben auch nicht ins Ras­ter des nor­ma­len Pas­san­ten, auf den Schmidt immer noch zu hof­fen trifft.

Wir bre­chen die Aktion an dem Stand­ort ab, berat­schla­gen, was viel­leicht ein Ort sei, der mehr Auf­merk­sam­keit ver­spre­chen könnte. In der Nähe der drei Schwät­zer soll es sein. Inso­fern ideal. Schmidt kann sich pos­tie­ren. Ich kann mich auf einer der Bänke set­zen, mir Noti­zen machen und gleich­zei­tig die Sze­ne­rie im Auge behal­ten. Dass Schmidt und ich irgend­wie ein Team, bekommt kei­ner mit. So soll es sein. Mir gegen­über sitzt eine  Frau mit zwei Kin­dern im begin­nen­den Grund­schul­al­ter. Sie schle­cken ein Eis, sehen zu Schmidt rüber. Auf­merk­sam. Ihre Mut­ter hat kei­nen Blick für Schmidt übrig. Die Auf­merk­sam­keit zieht schnell ein ande­rer Mann auf sich. Der auch will, dass die Leute ihm zuhö­ren. Er ist schein­bar als Mis­sio­nar unter­wegs. Erzählt, dass wir durch Jesus den Tod über­win­den. Er zieht alle Regis­ter. Ist sich nicht zu schade, sich in den Augen vie­ler Pas­san­ten, zum „Affen” zu machen — ris­kiert sogar, von eini­gen jun­gen Män­nern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund umkreist und mit spöt­ti­schen Bemer­kun­gen bedacht zu wer­den. Der Mann lässt sich nicht erschüt­tern. Am Ende nimmt einer der jun­gen Män­ner eines der Heft­chen mit, die der Jesus­ver­kün­der jedem ent­ge­gen­hält. Für Schmidt dage­gen gibt es kei­nen Blick, kein Wort. Nichts.

Bilanz nach einer Stunde: Bis auf zwei erwach­sene Men­schen haben sich nur Kin­der für den jun­gen Mann im Roll­stuhl inter­es­siert. Und die zwei Erwach­se­nen zäh­len nicht, da sie Schmidt ohne­hin ken­nen.
„Das ist ernüch­ternd. Ich weiß aber immer­hin nun , wie es Men­schen gehen muss, die tat­säch­lich auf Hilfe ange­wie­sen sind –ent­we­der weil sie behin­dert sind oder arm oder weil bei­des zusam­men­trifft. Es ist wirk­lich so, als ob die meis­ten ein­fach nicht wis­sen, wie sie rea­gie­ren sol­len.” Er ver­mute, dass es daran liegt, dass viele den Almo­sen erhei­schen­den Men­schen, die sich in den Fuß­gän­ger­zo­nen plat­zie­ren, ein­fach nicht trauen,einem im Roll­stuhl anschei­nend erst recht nicht.

(Quelle: Mittelhessenblog)